Skandalspielereien

In der Affäre um Christian Wulf kann man sehr schön beobachten, wie Medien und Betroffener gemeinsam einen Skandal konstruieren. Es begann mit einer kleinen Lügegeschichte des Präsidenten, die, von den Medien aufgedeckt, von ihm mit Halbwahrheiten und Ausflüchten angereichert wurde. Die Ungeschicktheit dieser Ausflüchte wirkten wie Aufforderungen an die Medien, weiter nachzubohren; was sie fanden, waren Kleinigkeiten, deren Enthüllungen der Präsident wiederum mit juristischen Spitzfindigkeiten konterte. Die ganze Zeit verhielt sich Wulf so, als wolle er das Spiel mit den Medien weiterspielen und nicht beenden. Was dabei ganz nebenbei entstand, ist das Bild eines kleinen, verdrucksten Menschen auf dem Präsidentenposten, der zur Angstbeißerei neigt. Das Urheberrecht an diesem Bild haben Wulf und die Medien zu gleichen Teilen.

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Umdeutungen

Die Guttenberg-Plagiats-Affäre liefert schöne Beispiele für den Umgang von Politikern mit der Realität. Nur zwei davon:

  1. Guttenberg entschuldigt sich für die Fehler in seiner Dissertation damit, dass das Anfertigen der Arbeit neben seiner Abgeordnetentätigkeit und den Belastungen als junger Familienvater einer “Quadratur des Kreises” gleichgekommen sei. Wir die meisten Gymnasiasten wissen, ist jeder Versuch einer  Quadratur des Kreises von vorneherein zum Scheitern verurteilt; jeder halbwegs vernünftige  Mensch würde davon die Finger lassen. Nicht so der Politiker: Er versucht das Unmögliche – und fordert auch noch Anerkennung dafür, oder wenigstens Verständnis für die Fehler, die ihm beim Versuch, das Sinnlose zu tun, naturgemäß unterlaufen.
  2. Bundeskanzlerin Merkel kommentierte laut der “Süddeutschen Zeitung” von heute die Aberkennung des Doktorgrades durch die Universität Bayreuth mit folgenden Worten: “Die Entscheidung der Uni Bayreuth liegt auf der Linie dessen, was der Verteidigungsminister vorgegeben hat. Sie macht daher Sinn.” Also: Politiker geben vor, andere entscheiden dann gemäß dieser Vorgabe – dann, und nur dann entsteht “Sinn”. So wird der “Verteidigungsminister” vom Erleidenden einer Handlung (der Entscheidung der Uni) zum Handelnden umgedeutet: Sinn macht die Entscheidung der Uni ja nur, weil sie der vorgegebenen Linie folgt. Damit macht Merkel einen Wesenszug realen politischen Agierens deutlich: Politik besteht darin, alles, was eben so passiert als eigenes Handeln zu interpretieren – wenn es einem denn in den Kram passt.
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Lockere Beziehungen

Was ich an sozialen Netzwerken sehr schätze: Dass man mit Menschen in Beziehung treten kann, ohne sie kennenlernen zu müssen.

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Medien-Stammtisch

Die Süddeutsche Zeitung berichtet in ihrer heutigen Ausgabe in einem immerhin zweispaltigen Artikel, dass sich Niki Lauda über den Auftritt eines homosexuellen Paares in einem Fernseh-Tanzwettbewerb erbost habe. Er habe nichts gegen Schwule, aber der Auftritt von Schwulen im Fernsehen widerspreche “guten Traditionen in unserer Kultur”, so kurz zusammengefasst die Meinung des ehemaligen Rennmeisters und Bruchpiloten. Eine Meinung, die er, so ist zu befürchten, mit vielen anderen oberhaiderischen oder hinterwäldlerischen Landsleuten teilt. Die Frage ist nur: Warum berichtet die Süddeutsche darüber? An der Qualität der geäußerten Meinung kann es nicht liegen – sonst müsste das Blatt ja seine Seiten tagtäglich mit den Geisteserzeugnissen nationaler und internationaler Stammtische füllen. Woran sonst? Daran, dass der Inhaber dieser Meinung ein “Promi” ist, ein “Star”, der berühmt wurde, weil er sehr gut im Kreis herum Auto fahren kann? Heißt das Motto: Ich bin ein Star, berichtet über mich – egal ob ich Kakerlaken fresse oder Unsinn verzapfe? Die Zeitung hätte dann in erster Linie die Rolle eines medialen Promi-Stammtisches. Eine Rolle, die einige Medien ja bereits vollständig übernommen haben – und andere anscheinend sich gerade  anschicken, zu übernehemen.

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Christliche Leitkultur?

Schon seit längerer Zeit, spätenstens aber seit der Rede von Bundespräsident Christian Wulf im letzten Oktober, wird nicht nur von Konservativen häufig die “christlich geprägte Leitkultur”  beschworen, von der Deutschland, ja ganz Europa geprägt sei und an die sich Migranten und andere Fremdlinge anzupassen haben. Nun ist es unbestritten, dass das Christentum und christliche Realitäts- und Wertvorstellungen über viele Jahrhunderte Europa geprägt haben. Doch wir hatten in Europa auch die Aufklärung, in der man sich – zumindest ideengeschichtlich – von der Vorstellung “ein Volk, ein Glaube” verabschiedet und dafür Ideen wie die von der Religionsfreiheit und dem säkularen Staat entwickelt hat – auch wenn letztere in Deutschland und anderen Staaten nie wirklich umgesetzt wurde. Und wenn es etwas genuin europäisches gibt, dann sind es eben die Ideen der Aufklärung, die auch Toleranz gegen Andersdenkende und eine Haltung des “Weltbürgertums” einschließen. Zu einer Religion kann man sich schnell mal bekehren, aber Aufklärung ist harte Arbeit: Den anderen denken lassen, was er will, ihn nach seiner Facon selig werden lassen, solange er niemanden damit belästigt. Anstatt also von “christlicher Leitkultur” zu faseln, sollten wir lieber die Werte der Aufklärung hochhalten und endlich ernst machen mit einer säkularen Gesellschaft, in der Religion reine Privatsache wäre. Ein erster Schritt dahin wäre es zum Beispiel, den Religionsunterricht an Schulen durch ein Fach “Philosophie- und Religionsgeschichte” zu ersetzen, in dem der Nachwuchs neutral kennenlernen kann, was man bei den Christen, Moslems, Buddhisten so alles glaubt, aber auch was Platon, Spinoza, Kant oder Wittegenstein zum Wissen der Welt beigetragen haben. Neben den katholischen und evangelischen Religionslehrern auch noch islamische auf die Kinder loszulassen, wie es zur Zeit geschieht, ist ein Signal genau in die falsche Richtung, auch wenn es manchem Gutbürger als Beweis gelungener Integration erscheinen mag.

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Kommunikationsverweigerung

Um es gleich vorweg klarzustellen: Ich teile Thilo Sarrazins Ansichten zur Abschaffung Deutschlands in keiner Weise, ich halte sie für ein Beispiel dafür, wie man trotz aller benutzter Statistken zu ebenso seltsamen wie abseitigen Weltkonstruktionen kommen kann, die noch dazu daran kranken, dass Sarrazin offenbar Intelligenz mit Schulbildung und sozialem Status verwechselt. Die Art und Weise, wie mit diesen Thesen in der Politik und teilweise in den Medien umgegangen wird, halte ich jedoch für bezeichnend für deren Kommunikations-”Kultur”: Es ist in weiten Strecken nicht eine Kultur der Diskussion und Auseinandersetzung, sondern eine der Ausgrenzung. So fällt der SPD zum Beispiel nichts anderes ein, als ein Parteiausschlussverfahren gegen ihr Mitglied Sarrazin anzustrengen, und das nicht enmal wegen seiner Hauptthesen, sondern wegen seines in einem Interview geäußerten dummen Spruchs über jüdische Gene. Am deutlichsten aber war diese Ausgrenzungskultur Anfang der Woche in der Talkshow “Beckmann” zu beobachten: Wie da der Moderator allein schon durch seine Körpersprache Sarrazin buchstäblich die kalte Schulter zeigte, ihn mit vor Ungeduld zitternder Stimme unterbrach, sich nur den anderen Gutmenschen in der Diskussionsrunde zuwandte, war ein Musterbeispiel medialer Verweigerung von Kommunikation bei gleichzeitiger Kommunikationssimulation. Sowohl dem medialen System, für das Beckmann steht, als auch dem politischen, durch die SPD und ihren Vorsitzenden Gabriel repräsentiert, fehlt offenbar das Selbstbewusstsein, das für die Auseinandersetzung auch mit anrüchigen oder sogar gefährlichen Thesen wie denen Sarrazins nötig wäre.

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Die Sprache blecken

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Eine Sprache nennt man manchmal etwas altertümlich auch eine Zunge: “In deutscher Zunge sprechen”. Die Stiftung Integration, die offenbar für das Erlernen der deutschen Sprache wirbt, hat das ganz wörtlich genommen und als Bild für die deutsche Sprache eine schwarzrotgolden bemalte Zunge gewählt, die ein junger Mann herausstreckt. Die Zunge herauszustrecken gilt normalerweise als ein Akt des Verspottens oder Verächtlichmachens. Wenn also die deutsche Sprache mit der bemalten Zunge gleichgesetzt wird, dann auch das Sprechen dieser Sprache mit einem Akt der Beleidigung. Soll man also wirklich eine Stiftung unterstützen, die dazu auffordert, Deutsch zu lernen, um besser beleidigen zu können? Vielleicht vor allem dabei, eine neue Werbeagentur zu finden.

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Mythen der Macher (3): Ziele

Ziele gehören zu den im heutigen Management- und Unternehmensalltag am meisten überschätzen Konzepten: Ein guter Teil aller Besprechungen und Gespräche drehen sich um Ziele – von Zielklärungsworkshops, Zieldefinitionen bis hin zu Zielerreichungsgesprächen, von denen das weitere Fortkommen der Mitarbeiter abhängig gemacht wird. Dabei haben Manager ihre Ziele immer so fest im Blick, dass sie links und rechts nichts mehr sehen können. Da mögen sich tausend Rahmenbedingungen ändern – mit zusammengebissenen Zähnen werden die einmal gesetzten Ziele verfolgt, wie unsinnig sie auch mittlerweile geworden sein mögen. Und Erfolg misst man ausschließlich daran, ob diese Ziele erreicht wurden. So entsteht Starrheit, Unflexibilität und die Unfähigkeit, auf neue Herausforderungen schnell reagieren zu können.

Natürlich braucht man Ziele. Ziele sind nützliche Konzepte, um Wege gehen zu können. Ziele sind Mittel, nicht Zweck. Man braucht ein Ziel, um sich für einen bestimmten Weg entscheiden zu können. Geht man dann diesen Weg, ist es wichtig, auf seine Herausforderungen zu reagieren; wer immer nur das Ziel im Auge hat, stolpert leicht mal über eine versteckte Wurzel. Und wenn der Weg es verlangt, sollte man jederzeit bereit sein, das Ziel über Bord zu werfen und sich ein neues auszudenken. Oder einfach einmal eine Zeit lang dem Weg vertrauen, gespannt, wo er einen hinführt. Dann könnte man Erfolg nach dem Weg, der zurückgelegt wurde, messen – und nicht danach, ob irgendwelche Ziele, die irgendwer irgendwann einmal gesetetzt hat, erreicht wurden.

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Tröstliche Trostlosigkeit

Am Donnerstag bei der Eröffnung der Ausstellung “Die Farbe grau” des Berliner Fotokünstlers Michael Schmidt im Haus der Kunst: Ich gehe an den Bildern entlang und bin erst einmal wieder geplättet von der Intensität, mit der Michael Schmidt die banale Trostlosigkeit von Orten, auch von Menschen an Orten, in Bilder fasst. Diese Trostlosigkeit befällt auch mich, gleichzeitig aber eine tröstliche Einsicht: Ja, so sieht die Welt eben auch aus, lass es einfach so, such nicht nach dem herausragenden Erlebnis oder dem Schönen. Der Trost der Banalität, die Erleuchtung ist das alltägliche Leben. Ich erlebe die tröstlichen Trostlosigkeit, die die Bilder vermitteln. Ein Paradox! Nach George Spencer Brown ist ein Paradox das ständiges Hin- und Heroszilieren zwischen zwei sich eigentlich ausschließenden Werten, und genau das ist es, was – wie ich denke – die Bilder Michael Schmidts auf geniale Weise herstellen. Spencer Brown nennt die Werte solcher Paradoxa “imaginär”. Was kann ein Bild (imago) mehr erreichen, als einen in diesem Sinne imaginären Wert zu vermitteln und damit unsere  ja/nein-, wahr/falsch-Konstruktion zumindest für den Augenblick des Betrachtens der Bilder zu transzendieren?

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Mögliche Manifeste (1): Für eine autofreie Stadt!

Wir werden überrollt von einer Lawine aus Blech! Fahrende Autos zerstören mit Lärm und Gestank unsere Lebensqualität! Parkende Autos verwandeln unsere Straßen in Hindernisparcours mit dem Charme von Schrottplätzen! Wir lassen es uns bieten, dass die übel aussehenden und schlecht riechenden Blechkisten überall die Schönheit, die Zugänglichkeit, die Sicherheit und die Menschlichkeit unserer Städte zerstören!

Deshalb fordern wir: Raus aus den Städten mit den Autos! Am Beispiel Münchens: Innerhalb des Mitteleren Rings absolutes Verbot für Autos; Lieferungen sind für gewerbliche Zwecke und nach Sondergenehmigung bis 10 Uhr morgens möglich. Außerhalb des Mittleren Rings werden auf Freiflächen große Parkhäuser gebaut, in denen diejenigen Münchner, die unbedingt meinen, ein Auto besitzen zu müssen, ihre Fahrzeuge gegen eine so hohe Gebühr abstellen können, dass sich nicht nur der Bau der Parkhäuser binnen weniger Jahre amortisiert, sondern zusätzliches Geld für den Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs in der Stadt eingetrieben wird.

Nieder mit dem Blech! Es lebe der Fußgänger!

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