Typen, denen ich heute beim Laufen begegnet bin

Heutige Begegnungen, in chronologischer Reihenfolge:

  • Die Kamikaze-Kindsmutter: Fährt rückwärts aus der Straße in eine Kreuzung, löst Notbremsungen und ein Hupkonzert aus, rast dann etwa 100 Meter um den Block, um an der Grundschule ihr Kind auszuladen; ich verstehe, dass das riskante Manöver ihr einen Umweg von etwa 200 Metern erspart hatte. (07:40 Uhr)
  • Die Schüler-Phalanx: Eine Gruppe Schüler, die den ganzen Gehweg einnehmend mir entgegen kommt und für Spannung sorgt, indem sie erst in letzter Minute eine Lücke für mich frei macht. (07:45 Uhr)
  • Der BMW-Jogger: Beschleunigt, sobald er jemanden überholen kann, läuft immer links. (07.55 Uhr)
  • Der Mercedes-Jogger: Läuft immer rechts, langsam, behäbig, aber raumfüllend, heute sogar in Begleitung. (08.00 Uhr)
  • Der Volvo-Jogger: Mit neonroter Sicherheitsjacke und Herzfrequenz-Messgerät. (08.01 Uhr)
  • Die Anthropomorphistin: Wünscht ihrem niesenden Hund “Gesundheit!” (08.05 Uhr)
  • Der Loko-Man: Stößt beim Laufen rhythmisch und weithin hörbar Luft aus; klingt wie ein Kind, das Dampflokomotive spielt. (08.09 Uhr)
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Gestern in Highdlbörg…

… hatte ich einen Termin. Also stieg ich am Bahnhof in ein Taxi und nannte dem Fahrer die Adresse. Sofort legte sich sein Gesicht in tiefe Falten des Nachdenkens, und er murmelte gebetsartig, aber in Frage-Intonation, unablässig den Namen der Straße vor sich hin. Als er dann begann, mit dem Finger wild auf sein Navigationsgerät einzustechen und sich zum dritten Mal nach der richtigen Schreibweise des Straßennamens erkundigte, erbarmte ich mich seiner und erklärte ihm, wo ungefähr er die Straße finden könne; ich wußte das, weil ich schon einmal hier gewesen war, im Sommer und ohne die Dienste des Heidelberger Taxigewerbes in Anspruch zu nehmen. Unsicher wie ein Tourist vom Land, der sich zum ersten Mal in die große Stadt wagt, fuhr mein Fahrer in die gewiesene Richtung. Dann realisierte er plötzlich, wo sich die gesuchte Straße befand – und begann in bitteren Worten zu jammern: Dass er eine Stunde gewartet habe, und nun diese winzig kurze Strecke! Ich reagierte ein wenig unfreundlich auf diese Tirade und beruhigte mein schlechtes Gewissen dann mit einem zu hohen und völlig unverdienten Trinkgeld.

Ähnliches passiert mir öfter – nicht nur in Heidelberg. In Düsseldorf hat sich neulich ein Taxifahrer großräumig verfahren, und ich kam 20 Minuten zu spät zu meinem Termin. Als ich mich bei meiner Gesprächspartnerin mit den Worten entschuldigte, der Taxifahrer habe sich verfahren, sah ich ihrem Gesicht an, dass ich mir ihrer Meinung nach kaum eine dümmere Ausrede hätte einfallen lassen können (aus dem gemeinsamen Geschäft wurde dann auch nichts). Und in Rosenheim, einer Kleinstadt, die er gerade mal auf ein paar Dutzend Straßen bringt, musste ich einer Taxifahrerin den Weg zum Krankenhaus erklären. Vielleicht sollte man, statt immer nur die armen Kinder zu zwiebeln, einmal einen Pisatest bei Taxifahrern durchführen – hier scheint doch ein Bildungsnotstand zu herrschen, der uns alle Tag für Tag aufs neue betrifft!

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Gier (Xenie)

Sie geißeln die Gier mit zwei Filmen von Wedel im Fernsehen,

getrieben allein von der Gier nach den Quoten sie selbst!

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Die Tür ins Leere

Anzeige Union Investment

Anzeige Union Investment

Ein Paar geht am Seeufer spazieren. Vor ihnen baut sich eine geschlossene Tür auf. Als Betrachter des Bildes sehen wir, was das Paar vermutlich noch nicht weiß: Dass hinter der Tür nichts anderes ist als vor ihr; die Tür ist als reines Hindernis in die Landschaft gestellt. Dabei verspricht der Text unter dem Bild: “Treten Sie ein und kommen Sie Ihren Wünschen ein Stück näher. Mit Fonds von Union Investment.” Wie das Bild zeigt, kann dieses Versprechen nur dann funktionieren, wenn der einzige Wunsch, den man hat, der ist, dass alles so bleibt, wie es ist. Denn eigentlich sagt Union Investment: “Wenn du durch diese Tür gehst, passiert – nichts!” Ist diese Anzeige Ausdruck einer neuen Bescheidenheit? Ist das Unternehmen zum Zen-Meister unter den Fondsmanagern geworden, der den Weg zur reinen Leere zeigt? Oder hat Union Investment aus der Finanzkrise die Lehre gezogen, dass Rendite-Versprechen realistisch zu halten sind? Und was könnte heute realistischer sein, als Nichts zu versprechen?

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Was wollen die erzählen? Alarm!

Spätestens seit die Schweinegrippe-Pandemie erst groß angekündigt wurde und dann ausgeblieb, schlagen die Medien Alarm: Grassierenden Alarmismus entdecken sie – in den Medien. Und sie haben recht, nicht wahr? Kaum sinken die Temperaturen unter fünf Grad minus veranstaltet der ARD um 20.15 Uhr einen Brennpunkt, in dem zehn oder 15 Minuten lang mit großem semiotischen Aufwand (“sibirische Kälte”) nichts gesagt wird, als dass es kalt ist. In anderen Fällen: Dass man auch noch nicht mehr weiß, als vorher in der Tageschau vermeldet. Fast freut man sich schon, wenn es mal eine echte Katastrophe gibt, über die gebrennpunktet wird. Aber auch die Printmedien beteiligen sich wacker: All die gefährlichen Seuchen – Rinderwahn, Schweinepest, Vogelgrippe, Schweinegrippe – die unsere Breiten in den letzten Jahren heimgesucht haben! Unsere Jugend, die in Gewalt und Stumpfsinn verstrickt ist! Umwelt- und sonstige Katastrophen, die uns die Luft zum Atmen nehmen! Armut, die überhand nimmt! Ganz zu schweigen von Krisen des Sinns, des Glaubens, des Bürgersinns, von denen wir immer wieder gebeutelt werden. Wenn spätere Archäologen einmal ein Medienarchiv des beginnenden 21. Jahrhunderts ausgraben und in ihrer Naivität glauben, es handle sich dabei um Texte und Bilder, die die Realität abbilden: Sie müssten glauben, wir lebten in der schlechtesten aller möglichen Welten.

Aber ist nicht der Alarm über den Alarmismus der Medien selbst so naiv wie die Annahmen der hypothetischen künftigen Archäologen? Ist es nicht eigentlich Geschäft und Bestimmung der Medien, Aufmerksamkeit zu erregen? Und wodurch ist dies besser, effizienter und nachhaltiger zu erreichen als durch Katastrophen- und Alarmmeldungen? Vielleicht glauben wir nur fälschlich, es sei (unter anderem) Aufgabe der Medien, Realität abzubilden. Vielleicht haben sie ja einfach nur die Funktion der Gruselgeschichten übernommen, die man sich an den vielbeschworenen langen Winterabenden am Kamin erzählte: Ein wohliges kollektives Schaudern darüber hervorzurufen, was einem in Wirklichkeit alles erspart bleibt.

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Take the money and run!

Gierig sind sie sowieso: Als Protagonisten eines Systems, das auf quantitative Maximierung aus ist, muss Gier ja eine der Kardinaltugenden sein. Aber was sich in der Tatsache offenbart, dass Manager trotz Krise und staatlicher Unterstützung ihrer Unternehmen ungerührt Millionen-Boni kassieren, ist weniger ihre ohnehin allgegenwärtigen Gier als ihr gewaltiger Mangel an sozialer Intelligenz. Denn besäßen unsere Spitzenmanager nur einen Bruchteil der sozialen Intelligenz, die jeder Karriereratgeber als angebliche Voraussetzung für eine Unternehmenskarriere postuliert, müssten sie spüren, dass man sich in Zeiten, in denen Steuerzahler die Wirtschaft alimentieren, zumindest ruhig verhalten sollte und vielleicht die Bonizahlung auf spätere Zeiten verschieben. Aber vielleicht fehlt ja Spitzenmanagern nicht nur die soziale, sondern auch ein gewaltiges Stück der restlichen Intelligenz: Wenn man die unverfrohrene Selbstverständlichkeit betrachtet, mit der sie auf die Boni als ihr natürliches Recht pochen, kommt man bald zu der Überzeugung, dass sie offernbar einfach völlig unfähig sind, über die engen Grenzen ihres eigenen Systems „Wirtschaft“ und seine engen Grenzen hinauszudenken: Die Regeln dieses Systems werden unreflektiert als universell gültig hingenommen. Wenn man annehmen würde, das sei so, müsste man fürchterlich erschrecken: Unsere Wirtschaft, immerhin ein sehr wichtiger Teilbereich menschlichen Lebens, würde geführt von Menschen, die nur in ihrem engen Kästchen denken können! Aber zum Glück ist es ja nicht so, oder?

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Zum Jagen geschleift

Seit Jahren schon irritiert mich der Werbespot der Deutschen Bank: Ein junger, cowboyartiger Mann schwingt das Lasso, wirft die Schlinge und fängt eine große Ziffernskulptur, die „4,5%“ (oder irgend eine ähnliche Zahl) verkörpert. Nachdem er diesen günstigen Zinssatz eingefangen hat, scheint der Cowboy plötzlich von Zweifeln erfasst zu werden. Denn er tut Widersprüchliches: Während er sich mit den Händen am Lassoseil zu der Ziffernskulptur hinzieht, stemmt er sich mit den Haken so gegen diese Bewegung, dass seine Füße zwei tiefe Kerben in den glänzenden Fußboden graben. Eine seltsame Inszenierung: immerhin haben wir es mit einem Film zu tun, der unter dem Genre „Werbespot“ läuft. Erstens ist seltsam, dass des Zinsangebot der Bank ganz offenkundig nicht zum Kunden hinkommt, sondern dass der Kunde es unter Aufbietung großer Geschicklichkeit (wer kann schon Lassowerfen?) und aller Kraft sich zu ihm hinarbeiten muss. Die Bank kommuniziert damit, dass die Ehre, ihr Kunde zu sein, hart erarbeitet sein muss. Aber der Kunde – der Cowboy – ist sich nicht sicher, ob er diese Ehre wirklich haben will: zumindest seine Beine sträuben sich vehement gegen diese Bankbeziehung. Als nicht nur, dass man sich das Bankangebot hart erarbeiten muss: es ist auch noch höchst zweifelhaft, ob der Lohn dieser Arbeit überhaupt wünschenswert ist.
Für einen Werbespot eine erstaunliche Aussage! Aber also sozialpsychologische Darstellung des ambivalenten Verhältnisses von Menschen zu Banken eine nette bildliche Parabel. Und da die Deutsche Bank diesen Spot auch schon lange vor der selbstgeschaffenen Krise der Banken geschaltet hat, muss man sagen: Hut ab vor so viel Weitblick. Und Hut ab vor dem großen Mut der Deutschen Bank, die teure Werbe-Sendezeit dafür opfert, Menschen darüber aufzuklären, ein wie zweischneidiges Schwert eine Bankenbeziehung ist

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